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„Strategie neu denken“: Ein Konferenzbericht

Von 22. bis 24. Juni 2016 hat die Österreichische Militärische Zeitschrift (ÖMZ) gemeinsam mit der European Military Press Association (EMPA) zur Pilotkonferenz „Strategie neu denken“ in die Wiener Stiftskaserne geladen. Anspruch dieser Konferenz war es, eine strategisch-militärwissenschaftliche Kommunikations- und Diskussionsplattform zu schaffen. Aus meiner anfänglichen Skepsis möchte ich kein Hehl machen: Das bescheidene Ansehen, welches das österreichische Bundesheer in der Gesellschaft genießt, spiegelt sich in der Politik wider (oder umgekehrt?), welche seit Jahren an einer schleichenden finanziellen Ausdünnung des Heeres zu arbeiten scheint (zumindest bis vor Kurzem). Meiner Intuition nach müsste sich dies wohl auch auf das Ausmaß an Expertise, die das Heer und seine Bildungsinstitutionen zu bieten haben, auswirken. (Fast) alles falsch, lehrte mir die Strategiekonferenz der ÖMZ.

Ein neues Verständnis von Strategie

Am Anfang der Konferenz stand die Diagnose eines allgemeinen Strategiedefizits, besonders im Bereich der Politik, und einer mangelhaften theoretischen Unterfütterung des strategischen Entscheidungsprozesses. Zweck der Konferenz war daher, ein neues Strategieverständnis zu vermitteln, das über bloße Militärstrategie (üblicherweise verstanden als der Einsatz militärischer Mittel zur Erlangung politischer Ziele – Stichworte: ends – ways – means) hinausgeht. Grundlegende Prinzipien militärischen Denkens sollten abstrahiert und zu einem gesamtstrategischen Denken, einer Führungswissenschaft, akkumuliert werden, die auch für zivile Bereiche anwendbar ist. Der Chefredakteur der ÖMZ, Brigadier MMag. Dr. Wolfgang Peischel, gab das Strategieverständnis der Konferenz vor: Strategie sieht er eher als Denken denn als Handeln, eher als Zweckgebung denn als Planung, eher initiativ als reaktiv. Außerdem ist Strategie langfristig angelegt; sie sei der erste Schritt eines Planungsprozesses, der noch nicht das finale Ziel gibt, sondern diesen Prozess erst anstößt.

Inhaltlich gliederte sich die Konferenz in drei Themenkörbe. Thema des ersten Korbes war strategische Kommunikation, also beispielsweise die Rolle, die militärwissenschaftliche Zeitschriften wie die ÖMZ in der Diskussion über Strategie einnehmen können und sollen. Wissensgenerierung wird hier als zentrale Aufgabe gesehen, besonders bis – und das ist das langfristige Ziel der Konferenzorganisatoren – Militärwissenschaft in Österreich auf Universitätsrang verankert wird. Der zweite Themenkorb beinhaltete Vorträge, die den militärischen Beitrag zum strategischen Denken herausarbeiten und zu einer allgemeinen Führungslehre verdichten sollten. Der dritte Themenkorb war ähnlich angelegt und behandelte Grundprinzipien politisch-strategischen Denkens. Die aus den Vorträgen gewonnenen abstrakten militärisch-strategischen Prinzipien sollen strategisches Denken für die Politik, Diplomatie und Privatwirtschaft verstärkt anwendbar und attraktiv machen. So soll beispielsweise die mehrheitlich kurzfristige, oft von Intuition und wahltaktischen Überlegungen beeinflusste Planung im Bereich der Politik überwunden werden; langfristige Zielsetzungen und deren wohlüberlegte schrittweise Umsetzung sollen zum Usus gemacht werden.

Ein breites Spektrum an Inhalten und Vortragenden

Die konkreten Inhalte, die im Rahmen dieser Themenkörbe adressiert wurde, waren weit gefächert: Ukraine, Syrien, Russland, die USA, Frankreich, Israel, Großbritannien, die Arktis, der Iran sowie die PKK dienten als Fallbeispiele; Strategie wurde sowohl im Lichte historischen Wandels als auch im Angesicht neuer, oft nichtstaatlicher Herausforderungen beleuchtet. Carl von Clausewitz war, wohl wenig überraschend, ein häufig genannter Name – Anhänger des Denkens des preußischen Generals hatten zudem schon bei der der Konferenz vorangestellten Tagung „Zur Aktualität von Carl von Clausewitz: Perspektiven und Implikationen für das 21. Jahrhundert“ die Gelegenheit sich auszutauschen.

Die Vortragenden der Konferenz kamen vorwiegend aus dem deutschsprachigen Raum und können teils beachtliche internationale Karrieren vorweisen – auf militärischem wie auch akademischem Terrain. Einer der bekanntesten Vortragenden war wohl General a.D. Klaus Dieter Naumann, seines Zeichens ehemaliger Vorsitzender des NATO-Militärausschusses sowie Teil der Kommission, die den bekannten Bericht zur Responsibility to Protect 2001 verfasste. In seinem Vortrag mit dem Titel „Europa vor alten, neuen und zukünftigen Gefahren: Herausforderungen für die Nationen Europas, die EU und die NATO“ beschrieb er die zunehmende Instabilität der globalen Ordnung seit Ende des Kalten Krieges. Zu altbekannten Konflikten wie Grenzkonflikten oder dem Unruheherd Naher/Mittlerer Osten gesellen sich neue Herausforderung, beispielsweise transnationaler Terrorismus und Klimawandel. Abschreckung – die Strategie des Kalten Krieges – sei für das 21. Jahrhundert nicht mehr zweckdienlich. Stattdessen dachte Naumann eine Strategie des preventive denial an, die proaktiv statt reaktiv und ihm zufolge auch auf nichtstaatliche Akteure anwendbar sei. Interessant dabei: die Ähnlichkeiten dieser skizzierten Strategie mit der hybrid warfare, die Russland momentan zu Lasten gelegt wird.

Die US-Perspektive war unter anderem vertreten durch Lt. General Robert E. Schmidle Jr., Deputy Commandant for Aviation. Dieser richtete die Aufmerksamkeit der KonferenzteilnehmerInnen besonders auf das operational design, also die Phase der Identifikation und Kontextualisierung eines Problems mitsamt seinen Ursachen und Dynamiken. Diesem Aspekt wird ihm zufolge meist zu wenig Zeit beigemessen. Erst nachdem dieser Prozess abgeschlossen ist, sei es aber sinnvoll, in die Phase des operational planning überzugehen, also des Findens einer Lösung für das identifizierte Problem. Auf der strategischen Ebene plädierte Schmidle für einen Wechsel vom bisherigen geopolitisch motivierten strategischen Denken zu einem Fokus auf technologische Innovationen und deren Auswirkungen.

Mit Oberst iGst Dr. Jérôme Pellistrandi („Die Entwicklung der französischen Strategie in den 77 Jahren der Revue Défense Nationale“) war ein weiterer Chefredakteur einer militärwissenschaftlichen Zeitschrift anwesend, der eben jene näher vorstellte und einen Blick auf das Fallbeispiel Frankreich warf. Prof. Dr. habil. Vasily K. Belozerov, Oberst dRes („Wissenschaftliche und sicherheitspolitische Grundlagen der Militärstrategie und der staatlichen Strategie Russlands“) diskutierte das Fallbeispiel Russland und CMDR Michael Codner vom britischen Royal United Services Institute (RUSI) das Beispiel Großbritannien („Strategy: The British Way?“).

Schlussendlich konnten besonders auch die österreichischen Vortragenden mit konzeptioneller Klarheit und theoretischer Innovation bestechen. In seinem lebendig gestalteten Vortrag („Grundprinzipien strategischen Denkens an der Schnittstelle zur politischen Entscheidungsfindung“) beleuchtete Wolfgang Peischel strategisches Denken stark aus wissenschaftstheoretischer Perspektive. Zudem bediente er sich unter anderem der griechischen Mythologie, Goethes Faust und Bob dem Baumeister, um seine Ansichten zu untermauern. Erwähnenswert ist besonders seine Einschätzung, dass Strategie den Weg in Richtung eines Ziels vorgibt, das man letztlich gar nicht erreichen will. Stattdessen erlaubt das Erreichen von Zwischenzielen eine Neubewertung der Situation und somit das Finden neuer, kreativer Ziele.

DDR. Christian Stadler von der Universität Wien („Polemologie: Eine strategische Kompetenz?“) betonte in erster Linie die auf Clausewitz basierende Unterscheidung zwischen Zweck und Ziel: Die Politik setzt den Zweck fest; der Krieg ist ein Mittel, wie auch die Wirtschaft, diesen Zweck zu erreichen. Strategie setzt das Ziel, das der Erreichung des Zweckes dient. Die Polemologie lehrt den Strategen, den Zweck der Politik richtig zu erfassen, um das richtige Ziel zu setzen. Interessant waren auch Stadlers Überlegungen zum Thema Frieden: Diesen sieht er als eine kulturelle Errungenschaft, die aktiv aufrechterhalten werden muss. Den Krieg hingegen sieht er als Normalzustand, auf den man daher vorbereitet sein muss. Si vis pacem, para bellum, also.

Fazit: Ein vielversprechender Start

Die Konferenz war die erste dieser Art in Österreich, quasi ein Pilotprojet, das den Bedarf und das Potenzial einer solchen Strategiekonferenz ertasten sollte. Man kann definitiv von einer gelungenen Premiere sprechen, die auf eine Fortsetzung hoffen lässt. Wünschenswert wäre solch ein regelmäßiger Austausch über Strategie in der Tat, um die angestrebte Wissensgenerierung durch MilitärwissenschafterInnen voranzutreiben. Wünschenswert wäre aber auch eine breitere Basis, auf der dieser Austausch stattfindet. Eine verstärkte Einbeziehung politscher Eliten sowie ziviler ForscherInnen könnte den beiden von Militärbediensteten so oft beklagten Lücken entgegenwirken: jener zwischen militärischen und zivilen ForscherInnen (erstere werfen letzteren oft Unwissenheit aufgrund fehlender Praxis vor), und jener zwischen MilitärexpertInnen und der politischen Elite (letztere ignoriert oft die vorhandene Expertise der ersteren; zudem werden der Mangel an gemeinsamen Entscheidungsfindungen und die unterschiedlichen Planungshorizonte beklagt). Außerdem könnte man durch Einbeziehung von Personen aus Politik, Privatwirtschaft und Diplomatie auch die konkrete Nachfrage und den Bedarf nach strategischem Denken in diesen Bereichen konkreter festmachen – die Konferenz selbst setzte diese Nachfrage ja voraus und lieferte das Angebot.

The bigger picture: Unser Heer kann doch was

Dass der Großteil der Vortragenden aus dem Ausland kam, spricht einerseits für die gute Vernetzung der ÖMZ. Andererseits wirft es aber dann eben doch die zu Beginn gestellte Frage auf, ob Expertise in Österreich womöglich nicht in ausreichendem Maß vorhanden ist. Die hohe Qualität der österreichischen Vortragenden zeugt jedoch von einem großen Potenzial, das in unserem Heer verborgen scheint: jenes der Wissensgenerierung. Dies ist besonders erwähnenswert aufgrund der geringen Bedeutung und Attraktivität, die dem österreichischen Heer oft zugeschrieben wird. Manche sprechen dem Heer ob der österreichischen Neutralität gar die Existenzberechtigung ab. Der Fokus auf Wissensgenerierung sowie im Besonderen das Ziel, militärische strategische Erkenntnisse für andere Bereiche dienlich zu machen, eröffnet dem Bundesheer aber eine weitere Aufgabe, die auch in einem neutralen Staat äußerst nützlich erscheint, und zudem dem Bundesheer in der internationalen Zusammenarbeit eine wichtige Rolle zukommen lassen kann.

Links:

Webseite der ÖMZ

„Stratgie neu denken“ Konferenzprogramm

European Military Press Association (EMPA)

Youtube-Channel der ÖMZ, hier können die Vorträge der Konferenz angesehen werden.

Beitragsbildquelle: ÖMZ-Konferenzwebsite (https://www.oemz-online.at/pages/viewpage.action?pageId=11142000 [08.08.2016.])

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