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Die Welt versinkt in Angst, Blut und Tränen!

In den vergangenen zwei Monaten starben bei Terroranschlägen in der Türkei (10. Oktober), in Ägypten (31. Oktober), im Libanon (12. November) sowie im Irak und in Frankreich (jeweils 13. November) insgesamt mehr als 500 Menschen, weit über 1.000 wurden zum Teil schwer verletzt. 14 Jahre nach Verkündung eines vollumfänglichen „War on Terror“ müssen sich nun endlich alle Verantwortlichen eingestehen, dass man den damals noch regionalen Feldzug im Nahen Osten verloren hat und möglicherweise erst am Anfang eines weit verheerenderen globalen Krieges steht.

Viele Jahre und Jahrzehnte lebten wir weitestgehend unbehelligt auf der „Insel der Seligen“ inmitten der „Festung Europa“. Krieg kannten wir nur aus den Erzählungen unserer Großeltern – Terrorismus assoziierten wir lediglich mit zwei eingestürzten Wolkenkratzern in Übersee und einem bärtigen Mann in den Höhlensystemen des Hindukusch. Empathisches Kopfschütteln oder leise geäußertes Mitgefühl über die Schrecken in fernen Ländern waren alles, womit wir auf die dann doch immer gleichen Bilder in den Nachrichten reagierten.

Diese Zeiten sind vorbei! Vor allem die Anschläge in Paris haben uns vor Augen geführt, dass wir Europäer uns nun endgültig selbst im Krieg befinden, ob wir das wahrhaben wollen oder nicht.

Terror 2.0

Vereinzelte und opferreiche Terrorakte auf europäischem Boden sind grundsätzlich kein neues Phänomen – man denke hier beispielsweise an die Madrider Zuganschläge vom 11. März 2004 mit 191 Opfern oder jenen auf ein Verkehrsflugzeug im schottischen Lockerbie (1988) mit 270 Toten. Die politischen Rahmenbedingungen waren damals jedoch vollkommen andere. Während die Täter in Spanien nicht eindeutig zugeordnet werden konnten und die Boeing 747 mutmaßlich von libyschen Geheimdienstlern gesprengt wurde, gehen die Anschläge in Ankara und auf Flug 9268 auf der Sinai-Halbinsel höchst wahrscheinlich – die Anschläge in Beirut, Bagdad und Paris sogar zweifellos auf das Konto der Terrormiliz „Islamischer Staat“. Zwischen den drei letztgenannten Anschlägen lagen sogar nur etwas mehr als 24 Stunden. Dabei hätten die Opferzahlen sogar noch weit höher liegen können, wenn dem (Selbst-) Mordkommando in Paris der Zutritt in das mit rund 78.000 Zuschauern gefüllte Stade de France gelungen wäre oder der 32-jährige zweifache libanesische Familienvater Adel Termos in einer wahren Heldenaktion nicht sein Leben für jenes von Dutzenden anderen Menschen geopfert hätte.

Paris wird zum traurigen Symbol

Die mediale Berichterstattung über die Anschläge in Beirut und Bagdad wurden von der Mehrheit der Bevölkerung kaum wahrgenommen oder in grenzenlosem Euphemismus als „alter Hut“ abgestempelt. Den Wenigen, die trotz der Überlagerung verschiedenster Terror-Meldungen noch den Überblick behielten, verschlug es letztlich vor allem mit den Berichten aus Frankreich den Atem. Besonders fassungslos machen die Anschläge in der zweitgrößten Metropolregion der EU deshalb, weil dort seit Jahresbeginn (Anm. Charlie Hebdo) nicht nur tausende zusätzliche Soldaten stationiert und die Geheimdiensttätigkeiten ausgeweitet wurden, sondern auch, weil es den selbsternannten Gotteskriegern trotz aller Sicherheitsvorkehrungen gelungen ist, Gräueltaten parallel an gleich sechs Schauplätzen zu verrichten. Da scheint es fast lächerlich, dass sich im Nachklang der Ereignisse weiterhin Menschen versammelten und Banner mit Slogans wie „not afraid“ hochhielten, die Augen fest vor der Realität zugekniffen. Eine Realität, wo es psychisch kranken Fanatikern immer öfter gelingt, sich in organisierten Netzwerken zusammenzuschließen und jederzeit und überall zuzuschlagen. Das zuvor angeschnittene mediale Ungleichgewicht ist jedenfalls auch und vor allem darauf zurückzuführen, dass die Anschläge in Paris besser als jemals zuvor die Verwundbarkeit der „Grande Nation“ und der gesamten „westlichen Welt“ offenbarten.

Globaler Dschihad

So erschreckend die Ereignisse des vergangenen Monats in jeder (un-) vorstellbaren Hinsicht waren, passen sie doch nur allzu genau in das aktuelle internationale Klima. Mit seinem „Global Terror Index“ zeichnete das angesehene „Institute for Economics and Peace“ vor kurzem ein ganzheitliches Bild über diese völlig neue Dimension der Gewalt. Den aktuellen Daten zufolge starben allein 2013 weltweit 18.111 Personen im Zusammenhang mit internationalem Terrorismus. Ein Jahr später stieg diese Zahl dann nochmals um 80% (!) auf 32.685. Mehr als die Hälfte der Opfer (51%) seien demnach den islamistischen Netzwerken Boko Haram (siehe Kommentar in der Februarausgabe der UNIpress) und dem IS zuzurechnen. Während Erstere sich weitgehend auf Nigeria beschränken, wo ihr enormes Gewaltpotenzial allerdings umso geballter in Erscheinung tritt, ist Letzterer seit einigen Monaten eine internationale Bedrohung. Dazu kommt noch die Tatsache, dass die islamistische Miliz neben den rund 6.000 Terrortoten im Jahr 2014 gleichzeitig auch auf dem „regulären“ Schlachtfeld für mindestens 20.000 tote Soldaten verantwortlich zeichnet. Dies führt dazu, dass die Grenzen zwischen Terror und traditionellem Krieg faktisch immer mehr aufgelöst werden.

Böse Vorahnungen

Insgesamt deuten alle Ereignisse der letzten Monate sowie Trends der letzten Jahre darauf hin, dass der Terror auch in Europa zunehmen und im schlimmsten Szenario bald zum ganz normalen Leben dazugehören wird, wie es etwa in Beirut und Bagdad schon lange der Fall ist. Der IS ist waffentechnisch (noch) nicht dazu im Stande, uns konventionell den Krieg zu erklären – soweit die einzig gute Nachricht. Wenn den Vereinten Nationen – im Falle einer Weigerung Russlands eher der NATO und der EU – nicht bald der große Wurf gelingt, also ein genialer Mix aus militärischen und zivilen Gegenmaßnahmen, steht uns bald das bevor, wovor das renommierte deutsche Handelsblatt schon jetzt warnt – ein „Weltkrieg III“. Momentan allerdings bleibt uns nicht mehr übrig, als für alle Opfer weltweiten Terrors zu beten, unabhängig von Herkunft, kultureller oder religiöser Zugehörigkeit.

Michael Wolf studied Political Science at the University of Innsbruck from 2010 to 2013. After finishing the Bachelor, he continued with the master-program “European Politics and Society”. Besides, Michael works as a journalist for “Kronen Zeitung” (since 2011), “Unipress” (since 2013) and “6020 Stadtmagazin” (since 2014). He is a student assistant at the Department of Political Science in Innsbruck within the framework of the “Innsbruck Center for European Research” and participates in the “Academic Form for Foreign Affairs”. His main interest lies in the field of international relations and European politics.
  1. Julian Walterskirchen Antworten

    Hallo Michi, vielen Dank für deine Einschätzungen und Gedanken zur aktuellen Situation.

    Bei 2 Punkten möchte ich dennoch etwas anmerken:

    1) von „psychisch kranken Fanatikern“ zu sprechen halte ich für sehr bedenklich. Ich würde dir dazu einen Artikel von Will McCant empfehlen (http://warontherocks.com/2015/11/how-the-islamic-states-favorite-strategy-book-explains-recent-terrorist-attacks/). Terror kann/wurde/wird als Instrument verwendet.

    2) „Weltkrieg III“: Also ich sehe weder jetzt noch in naher Zukunft die Möglichkeit wie der IS glaubhaft mit dem „Westen“ in einen konventionellen Krieg eintreten könnte. Warum hältst du dies für möglich?

    Freue mich auf deine Rückmeldung und deine Anmerkungen.

    Schöne Grüße

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